Bewegungspunkte

Buchstabensalat

Mein Vater war Soziologe. Eine starke Persönlichkeit. Ein kriegsbeschädigter Mensch mit hölzernen Beinen. Mit großem Herzen und mit weitem Sinneshorizont.

Als ich vier Jahre alt war baute er mir von seinem Gartenhaus aus, quer über das Schwimmbecken, bis hinauf zu meinem Balkon am Kinderzimmer im ersten Stock – eine Spielzeug-Seilbahn. Ein geräumiges, buntes Ding, das an zwei Drachenschnüren aufgehängt war. Abends, wenn ich ins Bett musste und der Welt grollte, weil ich nicht länger Anteil nehmen durfte, ging ich zum Fenster und sah meinen Vater im Gartenhaus über den Basteltisch gebeugt sitzen. Hell wurde er von einer schweren Metalllampe beleuchtet. Ein Lichterkranz hüllte ihn ein. Wie in einer Aura saß er da: voller Hingabe damit beschäftigt, eine Mayflower oder eine HMS Victory zu bauen. Schmirgelpapier oder ein Schnitzmesser in der einen Hand, die Tube Klebstoff in der anderen, tief über den beladenen Tisch gebeugt, mit vor Begeisterung geröteten Wangen – so schaffte er da, und nichts konnte ihn aus der Ruhe bringen oder seine Konzentration stören, meinen Papa! Und dann geschah es: Er musste meine Blicke bemerkt, mein Sehnen oder meine Liebe gespürt haben. Er drehte sich zur Seite, sah mich an, und ein Lächeln erfasste sein ganzes Gesicht. Das kam von Herzen und wurde sofort mit einer kleinen Botschaft, einer Walnuss, einem Papierflugzeug oder einer Glasmurmel versehen, zusammen in die Seilbahn gesteckt und zu mir nach oben ins Kinderzimmer geschickt. Mit plattgedrückter Nase, pochendem Herzen und fliegenden Fingern öffnete ich das Fenster, holte die Seilbahninsassen nach innen und sandte eine kleine Botschaft zurück. Wir winkten uns zu. Und mit dem Gefühl großer Geborgenheit ging ich ins Bett und schlief schnell ein.

fenster

Die Erinnerung an die Seilbahn meiner Kindertage trage ich als Motiv seit beinahe fünfzig Jahren mit mir herum. Aber erst heute, als ich diese kleine Geschichte für Sie aufgeschrieben habe, wurde mir bewusst, was mein Papa da eigentlich für ein großartiges, kleines Wunder vollbracht hat: Mit den Drachenschnüren der Seilbahn und unserem abendlichen Ritual hat mein Papa ein beinahe unsichtbares Band zwischen uns errichtet, das Raum und Zeit überdauert hat – ein Band der Liebe. Auch 32 Jahre nach dem Tod meines Vaters fehlt er mir immer noch. Selten zuvor habe ich seine Gegenwart so deutlich gespürt wie gerade eben, als ich diese Erinnerung aus mir heraus geschrieben habe. Mit 52 Jahren und unter einigen Tränen wird mir wieder einmal bewusst, wie heilsam das KS/BS/TS wirkt.

Das Kreative/Biographische/Therapeutische Schreiben lässt uns in wunderbarer Art und Weise in Beziehung zu uns selbst treten. So werden Gefühle bewusst, die uns bereichern. So werden aber auch Lebensumstände hervorgeholt, die uns belasten können. Schöpferisch schreibend finden wir dann Lösungen, die wie eben beschrieben aus uns selbst heraus erwachsen können.

[fblike style=“standard“ showfaces=“false“ verb=“like“ font=“arial“] [twitter style=“vertical“ float=“left“]